Skaldenwerke

Diskussionen über die Questen und Hintergründe der Phileasson-Saga.
Moorgeist
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Re: Skaldenwerke

Beitrag von Moorgeist » 28.11.2019, 18:53

Das nächste Skaldenwerk ist wieder einmal eine Geschichte. Eine frei erfundene Legende, die unser guter Skalde zum Besten gegeben hat, als klar wurde, dass sich die Truppe in die Sargasso-See aufmachen muss.

Die Sargasso-See

Tausend Jahre ist es her, dass die Schöne Kaiserin mit ihrem Trollskraper fast ganz Aventurien in ihren blutigen Klauen hielt. Noch heute zeugen das Schlachtfeld bei Brig-Lo und die Ruinen Bosparans davon, wie die unterdrückten Völker sich zuletzt ihre Freiheit zurückeroberten. Orte, die jeder mit wachem Verstand nur mit Vorsicht betritt, wandeln dort doch bis heute die Geister ihrer Opfer.

Doch nicht nur die Dämonenbuhle selbst hat Verwüstung hinterlassen. Auch ihre Diener und Speichellecker waren für eine Gunst oder auch nur ein Lächeln von ihr bereit, ganze Landstriche ins Unglück zu stürzen. Einer ihrer Anbeter, dessen Name die Zeit verwischt hat, war Kapitän eines stolzen Schiffes. Er war allerdings kein wackerer Schiffsführer, wie wir Kapitäne kennen, sondern vor allem ein reicher Stutzer, der zwar reich genug war, ein Schiff zu unterhalten und die Mannschaft zu bezahlen, sonst aber hatte er von der Seefahrt wenig Ahnung - wahrscheinlich wurde er sogar regelmäßig seekrank. Ein echter Bosparanier eben. Nennen wir ihn trotzdem den Kapitän.

Diesem Kapitän nun war zu Ohren gekommen, dass die Schöne Kaiserin von grässlichem Missmut geplagt war. Zwar konnte sie nicht nur den prächtigsten Palast, sondern auch einen einzigartigen Blumengarten ihr Eigen nannte – einen Park, in dem im Freien oder in großen Häusern ganz aus klarem Glas angeblich alle wohlriechenden oder dem Auge gefälligen Blumen Aventuriens blühen sollten – aber dieser immer gleichen Pracht war sie inzwischen überdrüssig. Doch welche Blumen auch immer ihre Kundschafter brachten, alles war schon in dem Garten zu finden.

So beschloss der Kapitän, endlich die Aufmerksamkeit der Schönen Kaiserin zu erringen, indem er eine Expedition ausrüstete, die eine neue, nie gesehene Blume für die angebetete Herrin gewinnen sollte. Eine Expedition, die er selber führen würde, damit bloß niemand sonst sich in dem Ruhm dieses Erfolges sonnen könne. Und natürlich, weil niemand sonst sie zu dem glorreichen Triumph würde führen können, den er sich in seiner selbstverliebten Eitelkeit schon ausmalte.

Ein gutes Schiff und eine wackere Mannschaft waren schnell gefunden, denn auch wenn die Edlen des alten Reiches längst der Dekadenz verfallen waren, brachte das einfache Volk doch immer noch hervorragende Seeleute hervor. Und da der Kapitän gut zu zahlen bereit war, wurde von diesen sogar zähneknirschend akzeptiert, dass ein ahnungsloser Lackaffe das Schiff kommandieren würde. Immerhin war ja der erste Offizier ein erfahrener Seebär, der – so hofften die Matrosen – das Schlimmste schon verhindern würde.

Viele unnötige Gefahren und Leid mussten die armen Seeleute allerdings ertragen, war der Kapitän doch in seinem überdrehten Stolz nicht bereit, die guten Ratschläge oder Warnungen seiner Mannschaft zu beherzigen, sondern wähnte in allem den Versuch, seine Autorität zu untergraben oder ihn gar von seinem Ziel abzubringen. Und so ließ er Küsten voller Riffe ansteuern, bei vollem Segel Stürme oder Nebelbänke durchfahren, und was der Dinge mehr sind, die selbst bei den Horasiern jeder halbgare Schiffsjunge schon besser weiß. Immer wieder entging das Schiff nur durch unglaubliches Glück und Tapferkeit und Geschick seiner Besatzung dem fast schon sicheren Untergang.

Zuletzt aber, als sich immer mehr der Seeleute schon fragten, wie lange dieser Wahnsinn noch weitergehen solle, und ob eine noch so hohe Heuer das Ganze wert sein könne, gelangte der Kapitän doch noch ans Ziel seiner Träume. Tief im Perlmeer liegt die verwunschene Waldinsel Setokan, deren verrufene Mahlströme jeder Schiffsführer mit klarem Verstand weitläufig meidet. Um den klaren Verstand des Kapitäns war es aber nun von Anfang an nicht gut bestellt gewesen, und mit jedem Landgang, der nicht zu der erhofften Königin der Blüten geführt hatte, war es nur schlimmer geworden. So ließ er Kurs auf Setokan setzen, und es heißt, er habe einen Alfenreif mit dunkler Magie nutzen müssen, um die Mannschaft dazu zu zwingen, diesem Befehl Folge zu leisten. Doch auch diesmal wieder waren Glück und Geschick gegen jede Wahrscheinlichkeit gerade so ausreichend, um das Ziel zu erreichen. Und hier endlich fand der Kapitän eine Blume, die seiner geliebten Kaiserin würdig sein könnte. Ein betörender Duft führte die Expedition zu einer Blüte von überirdischer Schönheit, die selbst die wenig begeisterten Seemänner in ihren Bann schlug. Sorgfältig wurde die Pflanze mitsamt der umgebenden Erde ausgegraben und an Bord genommen, und endlich sollte die Reise wieder in die Heimat gehen. So wurde am selben Tag noch Kurs auf Khunchom gesetzt.

Das Glück aber, dass die Mannschaft bisher bei allen Gefahren, in das der Kapitän sie geführt hatte, gerettet hatte, schien das Schiff auf der Rückreise verlassen zu haben. Erst brach sich ein Matrose das Genick, als er bei Nacht den Niedergang herabstürzte, dann wurde der Schiffsjunge von einer gebrochenen Rahe erschlagen. Der Steuermann wurde morgens erstickt am Steuer aufgefunden und der Smutje schien sich selbst vergiftet zu haben. Kurz, es folgte Todesfall auf Todesfall, einer mysteriöser als der andere. Der Kapitän aber verbrachte die Zeit fast gänzlich im Frachtraum, den außer ihm niemand mehr betreten durfte. Nur die Leichen der Unglücksopfer ließ er dort einlagern, zur späteren Untersuchung auf verbrecherische Umtriebe, wie er sagte.

Dies alles zehrte an den wackeren Seeleuten, und als das Schiff dann zuletzt auch noch in eine Flaute geriet, da war es um ihre Geduld geschehen. Von ein paar wackeren Männern gefolgt betrat der erste Offizier den Laderaum, um die Beseitigung der offensichtlich verfluchten Pflanze zu fordern. Doch dazu war es längst zu spät, das Schicksal von Schiff und Besatzung war schon entschieden. Im Frachtraum nämlich fanden sie die Blume von einem unnatürlichen, purpurnen Leuchten umgeben, und einen offensichtlich dem Wahnsinn verfallenen Kapitän, der die Pflanze wie eine Geliebte zu liebkosen und zu küssen versuchte. Um die beiden herum aber, je von einer Wurzel des widernatürlichen Gewächses umschlungen, die völlig verdorrten Körper der verunglückten Matrosen.

Gerade als die entsetzten Seemänner ihre Waffen ziehen wollten, um dieses Grauen mit Gewalt zu beenden, drangen allerdings panische Schreie von Deck herab. Dort hatte sich Seetang um das antriebslos in der Flaute liegende Schiff gesammelt, der nun begann, aus eigener Kraft die Bordwand hinaufzuklettern. Schleimig grüne Tanglappen umschlangen die Beine der Frauen und Männer an Deck und brachten sie zu Fall, um die Unglücklichen dann ganz am Boden zu fesseln und zu erdrosseln. Wacker setzte sich die Besatzung mit Entermessern und Äxten zur Wehr, aber wenig konnten sie gegen die immer höher heranwachsende Masse an lebendigem Seetang ausrichten, die mehr und mehr Schiff und Deck umschlangen.

Nur fünf wackeren Matrosen gelang es zuletzt, das Beiboot zu Wasser zu lassen, als klar wurde, dass das Schiff verloren war. Zwei von ihnen wurden von den Seepflanzen noch aus dem Boot gezerrt, bevor dieses das Tangfeld um das Schiff verlassen konnte. Ein Weiterer starb auf der Fahrt und nur zwei Überlebende erreichten die rettende Küste, von dem Erlebten an Leib und Seele zerrüttet. Die unglücksbringende Blume aber blieb auf dem nun besatzungslos treibenden Schiff zurück, und rief immer mehr Seetang um sich, der für sie Jagd auf weitere Schiffe machen sollte, um mit deren Besatzung ihren dämonischen Hunger zu stillen.
Zuletzt geändert von Moorgeist am 28.11.2019, 19:06, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Skaldenwerke

Beitrag von Moorgeist » 28.11.2019, 18:58

Und nochmal ein Lied - ein schöner Männergesang am Rande des Tangfeldes - ob es allerdings die Moral wirklich hebt, ist die andere Frage.
Auf die Melodie von „Eisberg voraus“ von Santiano (Gesungen im Wechsel von Vorsänger und Chor)

Tangfeld voraus!

Tangfeld voraus
macht euren Frieden
Tangfeld voraus
hier sollt ihr liegen
Tangfeld voraus
verlassen vom Glück
Von diesem Ort führt kein Weg mehr zurück

Die Haut verbrannt und die Kehle trocken
Glühend heiß unter Praios‘ Zorn
Die Segel Schlaff und der Rumpf voll Pocken
Jede Hoffnung auf Flucht verlor’n
Der Strudel zieht unser Schiff nach innen
Bald schon steckt der Rumpf im Gestrüpp
Diesem Seetang kann nichts entrinnen
Was hier liegt kehrt nie mehr zurück

Tangfeld voraus

Die Schiffsgerippe hier ewig liegen
Glühend heiß unter Praios‘ Zorn
Bis nur noch Spanten zurück geblieben
Jede Hoffnung auf Flucht verlor’n
Die Pflanzen legen das Schiff in Ketten
Halten eisern es fest im Griff
Auf Hilfe Warten wird uns nicht retten
Auf Grund gelaufen im grünen Riff

Tangfeld voraus

Die Mannschaft hat nochmal Mut gefunden
Glühend heiß unter Praios‘ Zorn
Mit dem Beiboot das Feld erkunden
Doch noch Hoffnung auf Flucht gebor’n
Ein Riss im Tang kann die Freiheit bringen
Das Segel fängt eine Brise ein
Können wir knapp dem Feld entrinnen
Finden wir vielleicht doch noch heim

Tangfeld voraus
Zuletzt geändert von Moorgeist am 28.11.2019, 20:20, insgesamt 1-mal geändert.

Moorgeist
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Re: Skaldenwerke

Beitrag von Moorgeist » 28.11.2019, 19:02

Das nächste Lied hat der (leicht verliebte) Snorre für Shaya geschrieben. Es ließe sich aber natürlich auch als Huldigung auf Travia lesen bzw. singen - soll ja keiner merken, dass der kleine Skalde für jemand ganz bestimmtes singt.
Geschrieben auf die Melodie von „For the Dancing and the Dreaming“ aus „Drachen zähmen leicht gemacht 2“

Herdfeuer

Sitz abends ich am Feuer hier
Und seh‘ die Flammen scheinen
Dann fühle ich es tief in mir
Ich kann’s nicht mehr verneinen

Groß ist die Liebe die ich spür‘
Zum Reim und Verse schreiben
Doch größer ist sie noch zu ihr
Und wird es immer bleiben

Ich reise weithin übers Land
Und singe meine Lieder
Doch morgens reicht man mir die Hand
Ich geh und kehr nie wieder

Mein Weg führt mich nach Süd und Nord
Und findet keine Pause
Ich bleib nie lang an einem Ort
Bin nirgendwo zuhause

Ein Haus, das ist stets still und leer
Lebt man darin alleine
Und kalt und dunkel wie das Meer
Wird niemals es zum Heime

Ein wahres Heim ist niemals still
Voll Lachen und voll Singen
Sie kann es füllen, wenn sie will
Es wird ihr leicht gelingen

Denn zieht sie in das Hause ein
Und darf ich‘s mit ihr teilen
Wird dieses stets voll Liebe sein
Will ich dort gern verweilen

Dann brennt das Feuer Nacht und Tag
Dann wird das Methorn kreisen
Und wer immer dort rasten mag
Der findet Ruh‘ vom Reisen

Und kehr ich in dies‘ Haus zurück
Werd‘ in den Arm genommen
Dann geht das Herz mir auf vor Glück
Dann bin ich heim gekommen
Zuletzt geändert von Moorgeist am 28.11.2019, 20:17, insgesamt 2-mal geändert.

Moorgeist
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Re: Skaldenwerke

Beitrag von Moorgeist » 28.11.2019, 19:05

Und zum (heutigen) Abschluss noch eine Sage, die unser Skalde im Rahmen des großen Pferderennens von Fasar gesponnen hat um den Reiter aus Bens Lager zu unterstützen und zum Helden einer alten Legende zu stilisieren. Die Geschichte ging durch einige Hamamudin in Fasar 'viral' und entsprechend stark war der Zuspruch zu dem armen Bettler-Novadi-Reiter.
Die Geschichte lehnt sich ganz grob an eine alte hochelfische Sage an, doch so sehr verfremdet, dass es nicht mehr eindeutig ist.

Das Reich in der Khom

Viele Geschichten erzählen die Haimamudim auf den Plätzen und Basaren, und besonders gerne erzählen sie zurzeit – wer könnte es ihnen verdenken – von mutigen und schnellen Reitern, die auf ihren windgeschwinden Pferden zu Ruhm und Ehre gelangen. Ja, das große Rennen ist in aller Munde. Aber sagt, meine lieben Freunde, habt ihr auch schon die Geschichte gehört, warum der Vater aller Pferderennen, das große Rennen von Fasar, so lange schlummerte wie Ruinen unter dem Sand der Wüste? Das habt ihr nicht? Oh ihr Kinder der Uralten, Feqz meint es gut mit euch, denn euch erwartet eine Geschichte von abscheulicher Bosheit und tapferem Heldenmut, von finsteren Ifriitim und edlen Djinnen, ja von abgrundtiefem Hass und alle Zeiten und selbst den Tod überdauernder Liebe. Lasst mich euch erzählen…

Vor vielen Generationen, noch bevor die Bosperanier Fasar eroberten und heimsuchten, noch bevor die Diamantenen Sultane sie sich zu eigen machten, ja selbst bevor die mächtigen Magiermogule von Fasar aus die zivilisierte Welt beherrschten, blühte ein prächtiges Reich im fruchtbaren Tal zwischen den Eternen und dem Khoramsgebirge. Ein Reich mit Palästen, deren Türme weiß glänzend wie poliertes Elfenbein hoch in den Himmel ragten, wo prächtige Pfauen und Paradiesvögel die Gärten schmückten und zwischen schattenspendenden Bäumen Bäche und Springbrunnen voll köstlichen kühlen Wassers plätscherten. Außer den zaubermächtigen Herren dieses Reiches stand der Sinn gerade nach etwas Anderem, denn auf einen Wink nur füllten sich die Brunnen stattdessen mit süßem Wein oder köstlicher Milch.

Aber halt, höre ich euch sagen, du sprichst irr. In dem Tal, das du beschreibst, erstreckt sich doch nur die Khom, heiß, trocken und tödlich. Oh, ihr Kleingläubigen, denkt ihr denn wirklich, die Welt habe immer schon so ausgesehen, wie wir sie heute kennen? Seid ihr wie die Kinder, die noch nicht gelernt haben, dass vieles in der Vergangenheit anders war, so wie vieles in der Zukunft anders sein wird? Also bändigt eure Herzen, ihr Kinder der Ungeduld, und lasst mich weiter erzählen.

Ja, dieses Reich lag einst dort, wo heute der ewige Wind über die Dünen weht, aber dieses Land war keine leblose Ödnis, sondern eher einem derischen Abglanz der göttlichen Paradiese gleich. Der größte Schatz aber, den dieses Reich zu bieten hatte, waren nicht die funkelnden Juwelen, nicht die reiche Ernte der fruchtbaren Felder, nicht der unzerbrechliche Stahl der Schmieden oder das unvergleichliche Wissen der Gelehrten. Es waren die Bewohner dieses Reiches selbst. Ich sage euch, jede Frau, die dort lebte, selbst die einfachste Magd, übertraf in ihrer Schönheit und graziler Eleganz selbst eine Sharisad, von schlankem Wuchs, mit milchweißer Haut, und Augen, die halb hinter einem Schleier aus seidenem Haar verborgen hervorfunkelten. Und so mussten sie auch sein, um zu den stattlichen Männern dieses Reiches zu passen, von denen jeder einzelne ein furchtloser Krieger und mächtiger Zauberer war. Und sei es durch ihre eigene Macht oder den Segen Al‘Mahmouds, alterten sie nie sondern standen selbst nach Jahrhunderten noch in der Blüte ihrer Jugend.

Prächtig war das Leben in diesem Reich, dessen Name längst selbst den Haimamudim nicht mehr bekannt ist. Und noch prächtiger schien die Zukunft zu werden, als Kronprinz Sâla, der kühnste und edelste unter allen Männern, sich anschickte, die liebliche Laila‘djiel zu seiner Braut zu nehmen. Doch allzu oft erweckt zu großes Glück nur den Neid der Missgünstigen, und auf Zeiten der milden Winde folgen Sandsturm und Unwetter. Der (flüsternd)Bal’al‘Ifriit, der mächtigste und boshafteste aller bösen Geister, hatte das friedlichen Reich schon lange voller Verachtung beobachtet und ihren Untergang geplant. Und am Morgen vor der prächtigen Hochzeit, als alle Bewohner feiernd in ihrer Hauptstadt versammelt waren, da befahl er seinen Aghaim den Angriff. So groß war das Heer, dass er versammelt hatte, dass der Himmel sich unter den Flügeln der blutdürstenden Ifriitim verdunkelte. Das überraschte Volk der Zeitlosen leistete tapferen Widerstand, und manch Zauber verbrannte, manch Pfeil durchbohrte die Angreifer, die wie schwarzer Regen vom Himmel fielen. Doch auf jeden gefallenen Ifriit folgten zwei Neue, und bald schon gerieten die Reihen der Verteidiger ins Wanken. Viele waren gefallen, und als zuletzt selbst der Shah vom Speer des dunklen Heerführers durchbohrt wurde, da ergriffen die wenigen, die noch nicht gefallen waren, die Flucht. Alleine Sâla und Laila’djiel standen noch auf dem höchsten Turm ihrer vom Blut ihres Volkes rot gefärbten Stadt und schrien den Ausgeburten der Schatten ihren Trotz entgegen.

Unzählige Widersacher streckten sie nieder, bis zuletzt der Schattenfürst selbst das Schlachtfeld betrat, um sich an seinem Sieg zu ergötzen. So groß war seine Macht, dass selbst die Ifriitim sich gequält am Boden wanden. Und auch die letzten beiden Tapferen, vom Gram über die Gefallenen Brüder und Schwestern geschwächt und bereits aus unzähligen Wunden blutend, brachen unter dieser Last zusammen. Der (flüsternd)Bal’al’Ifriit aber sprach zu ihnen „Lange schon war die Schönheit und das Glück eures Reiches mir ein Dorn im Auge. Aber jetzt naht mein Triumpf. Lange war eure Unsterblichkeit euer Segen – seht, wie ich sie euch zum Fluch werden lasse!“

Mit diesen Worten griff er mit gewaltigen Klauen in den Himmel, um diesen wie Seidenpapier zu zerreißen. Ein grausames Heulen erklang aus dem dunkel blutenden Riss, schlimmer als das Heulen der Schakale, schlimmer als das Brausen eines Sandsturms, und ein Wind, eiskalt und glühend heiß zugleich, fegte über das Land. Da wurde alles, worüber er strich, zu Asche und Staub, und wo einst prächtige Städte und Gärten zwischen fruchtbaren Feldern und kühlen Flüssen lagen, blieb nichts als trockener Sand und karge Felsen. Und daher, meine Freunde, liegt im Westen Fasars kein prächtiges Zauberreich mehr, sondern nur noch die unwirtliche Wüste Khom.

So leben die Seelen der Bewohner dieses wundersamen Landes auch heute noch unter uns, in immer neuen, sterblichen Körpern, und des Wissens um ihre Vergangenheit beraubt. Als Flüchtlinge und Bettler, Diebe und Tagelöhner fristen sie ihr kärgliches Dasein, und alleine das vage Gefühl, dass es da eigentlich mehr geben müsste in ihrem Leben als die täglichen Plagen erinnert an ihre stolze Vergangenheit.
Aber was, fragt ihr nun zu Recht, was hat das mit dem großen Rennen von Fasar zu tun? Nun, den Zeitlosen wurden ihr unsterbliches Reich und ihre unsterblichen Körper genommen, doch ihre unsterblichen Seelen konnte selbst der finstere Herr aller bösen Geister ihnen nicht nehmen. Und auch ihre Bestimmung nicht, denn was die Götter uns zugesprochen haben, kann weder Sterblicher noch Ifriit uns rauben. Es heißt Radscha Uschtammar selbst, gepriesen sei ihr Name, habe gefallen an dem schönen und tapferen Sâla gefunden und ihm Prüfungen auferlegt, um ihr Wohlwollen zu verdienen. Seit dem wandert dieser durch das Reich der Tulamiden um aus dem Nichts zu erscheinen, große Taten zu vollbringen, und wieder aus den Geschichten zu verschwinden, und von vielen Helden der Geschichten auf den Basaren sagt man, dass sie eine der vielen Wiedergeburten Sâlas gewesen sein sollen. Sein ewiger Widersacher aber ist nach wie vor der grässliche Herr der Schatten, der – erfolglos – alles daran setzt, ihn aufzuhalten.

Vor vielen hundert Jahren nun war Sâla seinem Ziel schon nahe, blieb ihm doch nur noch eine einzige Aufgabe zu lösen: Der Sieg als bester Reiter im großen Rennen von Fasar. Da aber der Fürst der Schatten genau wusste, dass es auf ganz Dere keinen Reiter gab, gibt oder geben wird, der es mit der Kunst des Prinzen der Zeitlosen aufnehmen könnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Rennen selbst zu verhindern. Und so schickte er Jahr um Jahr Krieg, Dürre oder Krankheit über die Stadt, dass eines ums andere Mal das Rennen nicht stattfinden konnte, bis es unter den Bewohnern selbst fast in Vergessenheit geriet. Aber eine Stadt wie Fasar lässt sich von nichts und niemandem dauerhaft etwas aufzwingen, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis das Rennen wieder stattfinden würde. Und dieses Jahr ist es endlich soweit.
Und seid euch gewiss, meine Freunde, auch Sâla wird am Rennen teilnehmen. Keiner der berühmten Reiter wird es sein, wenn er wie immer aus dem Nichts auftaucht, um seine Taten zu vollbringen. Und kein Fremdländer, denn stets fand sich seine Seele im Leib eines stolzen Wüstensohnes oder edlen Tulamiden. Aber glaubt mir, ihr werdet ihn erkennen, wenn der junge Held aufrecht durch das Stadion fliegt, und dabei wacker allen Hindernissen trotzt, die sein finsterer Widersacher und seine korrupten Schergen ihm in den Weg stellen werden. Denn dieser wird nichts unversucht lassen, Sâla mit Heimtücke und Betrug um den Sieg bringen zu wollen.

Wenn er aber mit dem Sieg die letzte Aufgabe bestanden hat, dann wird nichts mehr ihn davon abhalten, die Mitglieder seines alten Volkes zu sammeln um mit ihnen zurück in die Khom zu ziehen um jenseits davon ein neues, noch prächtigeres Reich zu gründen. Aber nur die, die nichts mehr zu verlieren haben, werden ihn auf diesem Zug begleiten dürfen, denn nur sie kennen keine Furcht mehr vor den Gefahren des Weges, vor denen sonst jedes noch so mutige Herz verzagen würde. Die Anderen aber werden irgendwann den Ruf ihres Herzens vernehmen, sich an ihr altes Leben erinnern und sich selbst wie zuvor ihr Prinz jeder Gefahr und Herausforderung stellen, um ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und dann werden auch sie ihrem Prinzen stolz und aufrecht folgen können.

phil
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Re: Skaldenwerke

Beitrag von phil » 11.12.2019, 14:50

Hallo Moorgeist,

da hat sich Snorre mal wieder selbst übertroffen, vielen Dank :-)! Die neuen Werke (9 bis 13) sind gelayoutet und stehen sowohl als Sammlung bei den allgemeinen Spielhilfen als auch auf den Spielhilfen-Seiten der fünften, sechsten und siebten Queste online.

Lieben Gruß
Philipp

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